Kolpingjugend NRW beim Landespolitischen Abend

v.l.: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Dr. Antonius Hamers, Staatssekretär Bernd Neuendorf und Moderatorin Brigitte Büscher

v.l.: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Dr. Antonius Hamers, Staatssekretär Bernd Neuendorf und Moderatorin Brigitte Büscher

„Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung“, so ist es in Artikel 7 der Landesverfassung von Nordrhein-Westfalen festgeschrieben. Das Kolpingwerk Landesverband NRW befasste sich bei seinem Landespolitischen Abend am Freitag (28.8.) im Düsseldorfer Maxhaus mit der Verbindung von Glaube und Bildung.

Der Landesvorsitzende des Kolpingwerkes NRW, Karl Schiewerling MdB, begrüßte die zahlreichen Teilnehmer und zeigte gleich die aktuellen Problemlagen des Themas auf: „Zwar spielen Glaube und Bildung weiterhin eine wichtige gesellschaftliche Rolle, das spiegelt die Ausrichtung des Schulunterichts allerdings nicht immer wieder“. Die so genannten MINT-Fächer, bestehend aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik würden in den Mittelpunkt gestellt. Der in der NRW-Verfassung festgeschriebene Religionsunterricht spiele demgegenüber oft eine nur untergeordnete Rolle. „Dabei findet gerade hier die Vermittlung von Werten statt.“ Schiewerling sprach sich gegen die zunehmende Ökonomisierung von Bildung aus: „Kinder dürfen nicht für die individuellen Interessen der Erwachsenen oder der Arbeitswelt verzweckt werden.“

Kolpingjugend NRW VertreterInnen im Gespräch mit MdB Karl Schiewerling.

Kolpingjugend NRW VertreterInnen im Gespräch mit MdB Karl Schiewerling.

Die Vermittlung von Wissen allein könne nicht das Ziel der Bildung sein. Das habe bereits der Sozialreformer Adolph Kolping vor mehr als 150 Jahren erkannt, als er sagte: „Man kann ungeheuer viel wissen und ein grundschlechtes Möbel im Haushalt Gottes sein“, zitierte der Bundestagsabgeordnete den Gründer des Kolpingwerkes.

„Die Frage: wer bin ich? Das ist für mich die Grundfrage der Bildung“, erklärte Dr. Michael Reitemeyer, Akademieleiter des Ludwig Windhorst Hauses in Lingen/Ems. In seinem Impulsvortrag nahm er zunächst den Bildungsbegriff des Altertums in den Blick. So habe Platon seine Grundsätze oft im Dialog mit Sokrates entwickelt. Bildung sei etwas, das in jedem Menschen vorhanden sein müsse. Die Entwicklung der Bildung, durch die der Mensch sich selbst befreien könne, sei so etwas wie eine Geburt. Der Lehrer sei dabei der Geburtshelfer. Auch der Philosoph Meister Eckart habe es so gesehen. Bildung war für ihn ein Prozess der Selbstwerdung und damit der Menschwerdung. Bildung habe etwas mit dem Entlassen in die Freiheit zu tun. Zur Bildung brauche man die Fähigkeit, staunen zu können, eine tiefe Neugier und Begeisterung, die auch die Lehrer wecken müssten.

Beziehung ist für Reitemeier die Grundlage der Bildung. „Gute Lehrer und Professoren sind Menschen, die eine solche Beziehung zu den Schülern herstellen und ihnen ein klares Feedback geben.“ Ein entscheidender Faktor sei die Ausbildung der Lehrer. „In sie müssen wir investieren, nicht in Erlasse oder Formulare.“ Reitemeier beklagte, „auch als betroffener Vater“, die fehlende, aber erforderliche Zeit und Muße in der schulischen Ausbildung. „Das Turbo-Abitur ist Mist. Vermittelt wird vorwiegend Druck und nicht Wissen.“

In einer anschließenden Diskussionsrunde befassten sich der Leiter des Katholischen Büros in NRW, Dr. Antonius Hamers, der Staatssekretär im Jugendministerium NRW, Bernd Neuendorf und der Münsteraner Islamwissenschaftler Prof. Dr. Mouhanad Khorchide mit der Frage des Zusammenhangs von Glaube und Bildung.

Khorchide betonte dabei die Wichtigkeit einer rationalen Auseinandersetzung mit Glaubensfragen im Religionsunterricht. Das sei auch für den Islamunterricht bedeutsam. Eine solche Herangehensweise mache die Vielfalt einer Religion deutlich und wirke einem schwarz-weiß-Denken entgegen. Deshalb sei es gut, dass schon an den Hochschulen ein ständiger Austausch der abrahamitischen Religionen untereinander stattfinde.

Auch Staatssekretär Neuendorf hält den Religionsunterricht für wichtig. „Kinder stellen Sinnfragen und wollen Antworten darauf haben.“ Dazu brauche man auch den Religionsunterricht. Es gebe einen Bedarf, Diskussionen, die im Kreise der Schüler untereinander geführt würden, in der Schule zu begleiten. Die Schule müsse ein Lernort für das Leben bleiben.

„Die Fragen, ‚woher kommen wir und wohin gehen wir’? sind immer aktuell“, betonte Antonius Hamers. Hier spiele der Religionsunterricht eine wichtige Rolle. Schüler brauchten aber auch Zeit für Freizeitaktivitäten jenseits von Schule und Verpflichtungen. „Einfach etwas Zweckfreies für sich selber tun.“

Das Problem der Verzweckung von Bildung gebe es schon lange, ergänzte Professor Khorchide. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts habe man darüber diskutiert. „Dadurch, dass wir Fächer an Schulen haben, die die Ästhetik betonen, wie Kunst, Musik und Religion, werde die Verzweckung allerdings etwas aufgebrochen. Religionen müssten ihren Mehrwert entdecken und zeigen. „Sie können Spiritualität und eine Haltung der Freiheit und des sich Öffnens vermitteln“.

Die Landesgeschäftsführerin des Kolpingwerkes Landesverband NRW, Reinlinde Steinhofer, bezog die Frage der Vermittlung von Haltung auch auf die Arbeit der eigenen Bildungseinrichtungen: „Wie gehen wir, gerade im Bereich der Weiterbildung und beruflichen Bildung, auf die Menschen zu, um ihnen genau dies nahezubringen?“

Die Diskussionen des Landespolitischen Abends sollen in ein Positionspapier zur Landtagswahlen 2017 einfließen.

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